Miks Valdbergs

Auf Besuch gehen

Ein Waldrandmärchen


Dex, die Eidechse, war der erste, der die Libelle Isabell bemerkte. Erst war das Gesumm ihrer Flügelchen über der Wiese zu hören, und dann erklang ein entrüstetes Sirren: „Faulpelze! Schlafmützen! Bald werdet ihr den ganzen Waldrand mit euren Hinterteilen plattgedrückt haben!”
     „Was soll denn passiert sein, daß man sich nicht einmal einen Augenblick lang hinsetzen darf?” fragte Kribbel, der Käfer, und wackelte verständnislos mit seinen Fühlern.
     „Bleibt nur sitzen! Paul, der Maulwurf, sitzt auch. Ganz alleine allerdings, denn ich mit meinen zarten Flügeln kann ihm leider nicht Gesellschaft leisten in seiner Höhle. Und das heute, an seinem Geburtstag...”, fuhr Isabell mit gespielter Gleichgültigkeit fort.
     Es war Pelle, der Mäuserich, der die plötzlich eingetretene peinliche Stille schließlich unterbrach. „Es ist noch nicht zu spät! Wenn wir uns gleich auf den Weg machen, dann können wir am frühen Abend bei Paul sein. Genau die richtige Zeit für einen Geburtstagsbesuch. Komm, Isabell, zeig' uns den kürzesten Weg zum Gepflügten Feld!



Isabell, die schnelle Libelle, mußte von Zeit zu Zeit zurückfliegen und nach den Wanderern suchen, die nur langsam vorankamen. Es war für ihre kleinen Beinchen nicht leicht, die Erdschollen zu überwinden und tiefe Furchen zu umgehen. Kribbel wäre gar nicht nachgekommen, hätte er nicht manchmal auf Dex' Schwanz verschnaufen können. Selbst Pelle wollte gar nicht daran denken, welch langen Weg sie noch vor sich hatten. Es wanderte sich viel leichter, wenn man eine muntere Melodie pfiff und sich über die Blumen am Wegrand freute.



Als sie gerade eine kleine, gelbblühende Lichtung überquerten, bemerkte Kribbel, daß Pelles Schritte immer langsamer wurden und sein Gesicht immer nachdenklicher. Schließlich blieb er ganz stehen, hob sein Schnäuzchen in die Luft und flüsterte: „Irgendetwas stimmt hier nicht! Kein Lüftchen regt sich, die Blumen duften stärker als sonst... Und seit einer ganzen Weile sind auch keine Schmetterlinge mehr zu sehen. Sogar Isabell ist verschwunden. Kribbel, klettere doch einmal flink auf eine hohe Staude! Vielleicht ist von da oben mehr zu sehen.



Auch Kribbel war allmählich beunruhigt. Ohne lange nachzudenken, krabbelte er den erstbesten, etwas stärkeren Stengel empor. Als er schon fast oben war, begann er zu bedauern, daß er sich keine weniger stachelige Pflanze als eine Distel ausgesucht hatte, aber tapfer kletterte er weiter.
     Auf dem obersten Blatt angelangt, bot sich seinem Blick etwas Schauerliches dar. Am Horizont hatte sich eine große, schwarze Wolke zusammengezogen! Und das Schlimmste war, daß sie blitzend und donnernd näher kam! [...]

(1994)
Aus dem Lettischen von Matthias Knoll


Titel der lettischen Originalausgabe: ciemos ejot
Riga: MIA-Press, 1995, 2. Auflage 2002
© Miks Valdbergs (Text & Illustrationen)

© der deutschen Übersetzung M. Knoll
Gesamtumfang: 5.865 Zeichen / 3,5 Normseiten, frei zur Verwertung
Umfang der Leseprobe: 2.686 Zeichen (46%)

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